Wieso “Künstler“?

»Jeder Mensch sollte Künstler sein. Alles kann zur schönen Kunst werden.«
(Novalis)
Was ein Künstler ist und was keiner, lässt sich bekanntlich schwer definieren..
Aber wieso einer, weil der sich einen Bart ins Gesicht malt und mit einem ausgestopf­ten BH herumläuft, von den Medien deswegen als “Travestie-Künstler“ hochgejubelt wird, bleibt ein Rätsel.
david ramirer - Mi, 19:58

doch, es lässt sich definieren, entgegen mancher dünnbrettbohrer, die den begriff dauernd aufweichen und verwässern.

denn etymologisch kommt kunst ganz klar von können.
und jemand, der sich einen bart aufmalt und in frauenkleidern rumrennt, "kann" eben das - also sagt das wort künstler hier nichts besonderes aus.
selbst jemand der nichts kann, kann eben dies: nichts.

beuys hatte also recht, novalis auch - aber es hilft uns nicht weiter. wie so oft.

;)

mac38 - Do, 17:19

@ramirer, deine Annahme ist weit verbreitet, aber trotzdem falsch:
Kunst kommt von "künden".
david ramirer - Do, 17:53

meine quellen sagen was anderes, aber ich will hier gar nicht abstreiten, dass "künden" in kunst nicht auch drinsteckt (viel weniger als das).

aber wie auch immer: wenn ich etwas (ver)künden möchte, muss ich

1. etwas verkündungswertes haben (inhalt)
und
2. eine sprache im weiteren sinne dafür beherrschen (also diese gewählte sprache, die form im weiteren sinne können - oder erfinden, wie so oft in der bildenden kunst und der musik)
und weiters
3. hoffen bzw. mich darauf verlassen, dass der empfänger meiner kunst diese sprache auch verstehen kann (und will).

das können spielt also jedenfalls eine zentrale rolle, auch beim künden-wortstamm.

etymologie ist eine unpräzise wissenschaft.

p.s.: ich habe das "ganz klar" oben in meinem kommentar durchgestrichen.
was es schon oben ein wenig relativiert.
nömix - Fr, 08:25

lt. DUDEN, Herkunftswörterbuch:
    Kunst: Das zu ↑können (mhd. künnen, ahd. kunnan) gebildete Substantiv (mhd., ahd. kunst) bedeutet zunächst in enger Anlehnung an das Verb “Wissen, Weisheit, Kenntnis“. Dann wurde das Wort auch im Sinne von “(durch Übung erworbenes) Können“ [..] verwendet.
»Kunst ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst.«
(Johann Nestroy)
Onkel Ernstl - Mo, 13:34

Wenn ein Tiroler einen Maler+Anstreicher fragt "Kunnst ma mei Wohnung ausmalen?"- ist der dann ein Kunnstmaler?
nömix - Fr, 08:20

Kunst kommt von können – wenn also einer zu mir sagt »Du kannst mich mal!«, bin ich dann ein Malkünstler?
Trithemius - Mi, 20:51

Wenn sich einer einen Schnurrbart malt und in Frauenkleidern herumläuft und niemand sieht ihn je dabei, mag er nach seiner Fasson glücklich werden. Wenn es aber Leute gibt, die ihn dabei beobachten wollen und für den Anblick bezahlen, nennt man ihn Travestiekünstler, allein um die Ausgabe zu rechtfertigen.
Was Kunst ist, wird immer vom Kunstmarkt bestimmt, von den Leuten, die für Kunst bezahlen, die Kunst handeln und ausstellen, völlig unabhängig von der künstlerischen Bedeutung.

nömix - Do, 09:06

Meine Frau führte mal ein Einstellungsgespräch mit einer Dame, die als Berufs­bezeichnung “Textilkünstlerin“ angab. Erst dachte meine Frau an Stoffdruck, Seidenmalerei oder sowas, aber es stellte sich heraus dass die Dame Striptease­tänzerin gewesen war.
Trithemius - Do, 09:20

Nannte sich nicht Adolf Hitler auch Kunstmaler? Wäre ihm doch damals Erfolg beschieden gewesen.
Gerry Weizer (Gast) - Do, 09:39

Müßte vielmehr heißen "Textilentledigungs-Künstlerin" -
nömix - Do, 10:36

“Textilentledigungs-Künstlerin“ ist meine Frau auch.
nömix - Fr, 07:57

@ Trithemius: ja, hätte man den erfolglosen Herrn Postkartenmaler seinerzeit einen Künstler sein lassen, wäre wohl vieles anders gekommen. Vor Jahren hab ich mal an der Wiener Kunstakademie nachgefragt, ob sich der Name desjenigen Professors noch he­raus­finden ließe, welcher Hitler dazumals bei der Aufnahms­prüfung durchfallen ließ und ihm so die angestrebte Künstlerkarriere verwehrte, und erhielt von der freundlichen Dame in der Pressestelle nachfolgende E-Mail:

» [..] dass sich Adolf Hitler um die Aufnahme an der Akademie d. bildenden Künste in Wien beworben hat:
Im Oktober 1907 das erste Mal und im Oktober 1908 zum zweiten Mal.

Die Aufnahmsprüfung für das Studienjahr 1907/08 im Oktober 1907 haben 85 Bewerber nicht bestanden, darunter als 23.: Adolf Hitler.
Die Eintragung im Originalwortlaut:
" Adolf Hitler Braunau a/ Inn Oberöstr. 20.Apr.1889 deutsch kath. k.k. Oberoffizial + 4 Realsch. (Anm.:) wenig Köpfe. Probezeichnen ungenügend."

Die Aufnahmsprüfung für das Studienjahr 1908/09 im Oktober 1908 haben 96 Bewerber nicht bestanden, darunter als 24.: Adolf Hitler.
Die Eintragung im Originalwortlaut:
" Adolf Hitler Braunau a.I. Ob.Öst. 20.April 1889 deutsch kath. Oberoffizial + Nicht zur Probe zugelassen."

Wie die Zahlenangaben zeigen, war es kein Einzelschicksal, sondern ein sich all­jähr­lich wiederholender Routinevorgang, über den nicht sonderlich genau pro­to­kol­liert wurde. Die Aufnahme selbst erfolgte korporativ durch das Pro­fes­so­ren­kol­le­gium der Akademie, weshalb hier kaum eine Persön­lichkeit dafür heranziehbar ist. Irgendwelche Namensnennungen wären nur reine Vermutungen, für welche es, hierorts aktenmäßig, keine Anhaltspunkte gibt. Sollten allerdings Aussagen ir­gend­wel­cher authenti­scher Zeitzeugen eine bessere Sicht auf die Vorgänge erlauben und auf diesen oder jenen Namen verweisen, dann würde es hierorts trotzdem nicht ak­ten­kun­dig sein, denn es gilt hier nach wie vor das Prinzip der korpora­tiven Auf­nah­me durch das Kollegium, autonom und weisungsfrei, voll­zogen durch die vom Rektor unterzeichnete Ankündigung an der Amtstafel. «

Somit lässt sich also der eigentliche Schuldige, allein dessen persönliches Urteil (wer zum Künstler taugen solle und wer nicht) den Lauf der Weltgeschichte so unheilvolle Wen­dung nehmen ließ, heute nimmer namentlich identifizieren.
Stefan R. (Gast) - Mi, 22:54

Das ist mir, ehrlich gesagt, völlig wurst...

steppenhund - Do, 09:15

In dem Verein, der auch die Pflege der Kunst als Zielsetzung hat, wird absolut diskutiert, was Kunst ist. Nach drei Stunden Diskussion ist noch nie etwas heraus gekommen.
-
Ich halte es selbst mit der Definition meines Vaters:
Kunst ist etwas, dass Form und Inhalt hat - und - etwas Neues bringt.
-
Das ist ein ziemlich guter Filter.
Danach kann man Kunst bei Beethoven und Pink Floyd erkennen, nicht aber bei Justin Bieber oder Lady Gaga.

schneck08 - Fr, 08:35

Der Vereinfachung halber habe ich mir in unzähligen (und teils auch unsäglichen) Diskussionen eine zweilinige Einordnung als Doppel-Eck-Definition® angewöhnt:

1. Wenn jemand sagt, dass das, was er/sie macht, Kunst sei, dann ist das so. Dann glaube ich das. In der Folge muss sich dann der Urheber bzw. sein Werk allerdings auch innerhalb künstlerischer Kriterien messen lassen. Halbe Kunst gibt es nicht.

2. Kunst ist nicht zweckgebunden, d.h. sie dient ausschließlich der Betrachtung oder anderer sinnlicher Aufnahme. Sie ist künstlich. Schmuck und Architektur sind keine Kunst, sondern Schmuck und Architektur. Dass es oft Schmuck, Architektur oder Entkleidungsperformances geben mag, der oder die "besser" ist/sind, als Kunst, ist unbestritten. Innerhalb dieser nüchternen Betrachtungswiese gibt es jedoch dann im Gegenzug keine Hierarchie i.d.S., dass die "Kunst" die höchste aller "Künste" sei: Schmuck und Architektur und Kunst bewegen sich auf Augenhöhe, von einer Arroganz der "Kunst" ggü. ihren angewandten Kollegen ist abzusehen.

Auf dieser Grundlage, so hat meine Erfahrung gezeigt, kann man eigentlich ganz gut übers Wesentliche diskutieren. Allerdings macht man sich dann Goldschmiede und Architekten, die nicht verstehen wollen, gerne zum Feind, wie ich auch öfters erleben durfte. Fazit/Gesamtkunstwerk : Oft sind Autos oder Teppiche gelungener als Kunst, oft ist aber auch Kunst gelungener, als Autos.

david ramirer - Fr, 09:26

eine sicher in diskussionen ganz gut brauchbare definition (weil es ja auch durchaus vergnügen bereiten kann, sich mit goldschmieden und architekten anzulegen).

aber sie hat ihre lücken: wenn, wie unter 1 postuliert, kunst sich "innerhalb künstlerischer kriterien messen lassen kann" (was ich nicht bestreiten will!), dann frage ich mich, wozu das gut sein soll, wenn sie, wie unter 2 festgehalten "nicht zweckgebunden ist und nur der betrachtung und sinnlichen aufnahme" dient.

das mit dem "zweck" ist der knackpunkt: denn die sinnliche aufnahme und betrachtung dient genau dem zweck, den die künstlerischen kriterien in 1 darstellen. gäbe es hier keine kriterien, wäre sie tatsächlich zweckfrei (und damit auch völlig unbrauchbar), aber sie dient eben der betrachtung und dem ansprechen der sinne (laut definition).
so gesehen ist auch die misslungenste (bleiben wir jetzt mal bei der darstellenden) kunst völlig gelungen, weil sie betrachtbar ist (mit grausen) und die sinne anspricht (brechreiz).

ihr punkt 2 hebelt also leider punkt 1 aus - aber das wird den meisten diskutanten (architekten und goldschmiede) nicht auffallen, weil sie es nicht ertragen, aus dem herrlichen elfenbeinturm der kunst verstoßen zu werden, wo man in der zweckfreien geschützten werkstätte wirklich alles machen kann, was man will - bis es dann an die kriterien stößt.
selber schuld!

;)
schneck08 - Fr, 10:08

Ein weiter Acker, lieber David, der sich, ach, doch am besten beim Weinchen (= angewandt) pflügen lässt... ;)
david ramirer - Fr, 10:13

ich als wiener kann davon etliche lieder (besser nicht) singen...

jedenfalls: prost!

;)
nömix - Sa, 10:46

»Kunst kommt von können, käme sie von dürfen müsste sie Durst heißen.«
Gästin (Gast) - Sa, 21:12

Und wenn ein Architekt sagt: „Das was ich mache, ist Kunst“ – dann ist es nach Punkt eins auch Kunst.
Trithemius - Fr, 08:39

@ nömix
Sie präsentieren da ein außergewöhnliches Dokument. Vielen Dank für die umfassende Aufklärung. Heutzutage besuchen junge Menschen, die sich an der Akademie bewerben, Vorbereitungskurse, um die strengen Aufnahmekriterien erfüllen zu können. Eine solche Aufnahmeprüfung verlangt ja immer eine Prognose und ist daher im Ergebnis vage. Dass man in diesem Urteil falsch liegen kann, dessen müssen sich alle bewusst sein, die über solche Lebenschancen entscheiden. Dieser Herr Hitler hätte vielleicht ein ordentlicher Student der Schönen Künste werden können. Manche finden glückliche Umstände vor und werden sogar Professor mit weniger Talent. Solche sind dann oft die strengsten Prüfer.
Allein Joseph Beuys hat einmal als Professor der Düsseldorfer Akademie versucht, das Ausleseverfahren auszuhebeln, was seinen Rausschmiss zur Folge hatte.
http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Beuys#Die_Entlassung

cappuccina - Sa, 10:03

...ein Friseur ist ein "Haarkünstler"- wieso ist ein Pedikeur kein "Fußkünstler" -?

G.W. (Gast) - Di, 17:02

Man kennt den Ausdruck "Hanswurstiade"...

Der Amtsweg ist das Ziel.

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bingo! ;-)
schneck08 - Sa, 16:14
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Rössle - Do, 00:05
Lieber Nömix, bis...
Lo - Mi, 11:53
Gratuliere zum...
NeonWilderness - Do, 14:46

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